Inzwischen haben Sie Ihre Stöße eifrig trainiert, eine gewisse Sicherheit beim Versenken der Bälle erreicht und überhaupt etwas mehr über den Tisch und seine Eigenschaften gelernt. Damit können wir uns jetzt ans Positionsspiel wagen. Das Positionsspiel ist die Erklärung dafür, warum Pool-Billard für den Zuschauer eines guten Spielers so einfach aussieht.
Wir sehen den Könner, der ganz einfach um den Tisch herumgeht und einen Ball nach dem anderen versenkt. Ein solcher Spieler hat also offensichtlich die Fähigkeit, nicht nur technisch perfekte Stöße zu erzielen, sondern sich auch laufend Rechenschaft zu geben, wie er einen Ball spielen muß, um in der nächsten Situation eine optimale Ausgangsstellung zu haben.
In mancher Hinsicht ist ein guter Billardspieler mit einem guten Schachspieler zu vergleichen, denn auch beim Billard muß man seinen Angriffsweg im voraus planen. Ein ausschließlich technisch operierender Billardspieler wird am Tisch seinem Gegner unterliegen, wenn er nicht auch über eine taktische Denkweise verfügt. Es gibt für jede der drei Grundarten des Billardsportes eigene taktische Unterschiede. Grundsätzlich basieren jedoch alle auf derselben Theorie. Der erste Schritt im Positionsspiel ist der Einbezug der Banden. Oft wird dies vergessen und stattdessen ein Effet angewandt. Das wirkt zwar etwas eleganter, hat jedoch den Nachteil, daß das Spiel zu kompliziert wird und damit den Fortschritt des Spielers hemmt. Jeder Spieler muß aber diese Erfahrung machen, die diese Phase wiederum rechtfertigt. Nach raschem Umsteigen auf die spektakulärere, jedoch kompliziertere Spieltechnik mit Effet realisiert jeder interessierte Spieler bald, was das Vernünftigste ist und kehrt darum, wann immer es möglich ist, zum einfacheren Bandenspiel zurück.
In den meisten Situationen ist es möglich, ja sogar ratsam, sich der Banden zu bedienen, um vor dem nächsten Ball seine Position spielen zu können. Gleichzeitig ist dies eine Garantie dafür, daß der Spielball auf dem Tisch bleibt und nicht, was recht häufig geschieht, zusammen mit dem Objektball in einer Tasche verschwindet. Schätzen Sie zuerst, wie stark Ihr Stoß sein muß, damit der Ball die Bande berührt und sie anschließend auch wieder verläßt. Kommt der Ball direkt an der Bande (press) zum Stillstand, ist die Ausgangsposition für den nächsten Stoß denkbar ungünstig, da sowohl die Handstellung wie das Zielen erschwert werden. Achten Sie deshalb darauf, daß der Spielball immer etwa 10 cm von der Bande weg stehen bleibt.
Spielen Sie den Objektball grundsätzlich nie direkt in die Mitte der Tasche, sondern zielen Sie eher auf den linken oder rechten Rand. Sie verhindern dadurch, daß der Spielball dem Objektball nachrollt und ebenfalls in der Tasche verschwindet (siehe Abbildung 47).
Abbildung 47:

In der abgebildeten Situation müssen Sie den Ball Nr. 1 in die Ecktasche spielen. Versuchen Sie zuerst, ihn mit einem gewöhnlichen Nachläufer in die linke Taschenseite zu versenken.
Der Spielball wird nach dem Zusammenstoß mit dem Objektball bei Punkt 1 die Bande berühren und dann seinen Weg entlang der kurzen Bande fortsetzen; wie weit hängt von der Stärke des Stoßes ab.
Haben Sie z. B. die Absicht, als nächstes den Ball Nr. 2 anzuspielen, dann müssen Sie etwas lockerer stoßen, für die Bälle 3 oder 4 eher stärker. Achten Sie auch hier darauf, daß der Spielball nicht press an die Bande zu liegen kommt. Möchten Sie stattdessen die andere sich bietende Variante ausprobieren und den Ball nach rechts in die Tasche spielen, so stößt der Spielball bei Punkt 2 gegen die kurze Bande und rollt anschließend gegen die Tischmitte.
Auch hier können Sie durch einen schwachen Stoß auf Ball 2 Position spielen, um für die Bälle 3 und 4 eine optimale Ausgangslage zu erreichen. Versuchen Sie ähnliche Situationen aufzustellen und üben Sie mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten -bald werden Sie herausfinden, wie die Banden am besten auszunützen sind.
Nun werde ich Ihnen noch ein paar weitere Spielsituationen zeigen, die oft vorkommen, davon unabhängig, welche Disziplin gespielt wird. Beachten Sie jedoch, daß durch perfektes Positionsspiel auch oft ein Problem entstehen kann. So zum Beispiel, wenn Sie Position auf einen Objektball spielen und dadurch eine Gerade zum Loch erhalten, dann aber Position auf einen dritten Ball spielen müssen (siehe Abbildung 48).
Abbildung 48:

Abbildung 49:

Wenn Sie überhaupt keinen Winkel haben, ergibt dies oft eine schwierige Situation, in der Sie gezwungen sind, mit sehr viel Effet (Rückzieher, im bezug auf unser Beispiel) zu spielen, um Position für den nächsten Ball zu erhalten. Achten Sie von Anfang an, daß Sie einen kleinen Winkel haben, so vermeiden Sie dieses Problem (siehe Abbildung 49).
Nun werden wir uns das Positionsspiel mit Hilfe von Effet näher betrachten und dabei feststellen, daß auch hier die Banden eine große Rolle spielen. Außer beim reinen Stopball handelt es sich bei allen anderen Varianten um solche, bei denen über die Bande gespielt werden muß. Der einzige Unterschied zu vorher besteht darin, daß sie mit Hilfe von Linksbzw. Rechtseffet die Auswirkungen nach dem Berühren der Bande verringert bzw. verstärkt haben. Betrachten wir noch einmal die Situation auf Abbildung 47. Nehmen Sie alle Bälle, ausgenommen Ball Nr. 1 und den Spielball, weg. Versuchen Sie mit verschiedenen Treffpunkten und abwechslungsweise Links- und Rechtseffet zu spielen, werden Sie sogleich entdecken, daß es möglich ist, dadurch jeden beliebigen Punkt auf dem Tisch mit dem Spielball zu erreichen. Wichtig ist auch, daß Sie sich die verschiedenen Ergebnisse merken. Beginnen Sie Ihre Übungen mit Nachläufer, danach soll der Stopball folgen und zum Schluß der Rückzieher.
Damit es für Sie einfacher ist, die Ergebnisse im Kopf zu behalten, können Sie folgende Übung aufstellen:
Abbildung 50:

Stellen Sie die Bälle wie abgebildet (siehe Bild 50) in einem Kreis auf. Versuchen Sie jetzt, den Objektball 1 in die Ecktasche zu spielen und mit dem Spielball die Nummer 2 zu treffen. Gelingt Ihnen dies, nehmen Sie die Nummer 2 weg und versuchen Sie nun dasselbe, um die Nummer 3 zu treffen usw. Für die ersten Bälle wenden Sie Stopbälle und Nachläufer an, wechseln dann für die mittleren Bälle zu Rückläufer mit verschiedener Stärke. Vergessen Sie nicht, die Banden zu benutzen, um Effet-Stöße zu vermeiden.
Eine zweite Variante zum gleichen Thema ist die auf Abbildung 51 gezeigte:
Sie sollten auch dieses Mal versuchen, die aufgestellten Bälle der Reihe nach zu versenken. Fangen Sie mit der Nummer 2 an, machen Sie dann weiter mit Nummer 3 und so fort. Die ersten Bälle sind mit Nachläufern zu spielen, die nächsten mit Stopbällen. Um die letzten Bälle direkt treffen zu können, müssen Sie mit Rückläufer und mit variierendem Linksund Rechtseffet spielen.
Abbildung 51:
