Wer einem guten Billardspieler zuschaut und sieht, wie rasch und mühelos er einen Ball um den anderen trifft und versenkt, kann zum Schluß kommen, das Billardspiel sei recht einfach. Die Tatsache ist jedoch so, daß der erfahrene Spieler ein geübtes Auge besitzt und so die Lage auf dem Tisch laufend zu überblicken und zu analysieren vermag.
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Zudem ist er fähig, den Spielball soweit zu beherrschen, daß dieser nach dem Ausrollen schon wieder in bester Ausgangsposition für den nächsten Stoß liegt. Beim weniger geübten Spieler sieht die Situation schon ein bißchen anders aus: ungeübtes Auge und mangelnde Technik führen laufend zu unpräzisen Stößen. Das Unglückliche daran ist nicht etwa die weniger perfekte Spielweise, er hat ja trotzdem seine Freude an der Partie. Zermürbend ist vielmehr die Unsicherheit des Anfängers, wo er seinen Fehler gemacht hat.
Die Zahl der Kurse und der Instruktoren in diesem Sport nimmt laufend zu und gibt Ihnen als Interessenten die Möglichkeit, sich anzuschließen. Trotzdem ist es immer noch üblicher, diesen Sport selbst zu erlernen. Das Selbststudium hat jedoch einen großen Haken, denn einmal "eingefleischte" Fehler bringt man später kaum mehr weg. Sinn dieses Spieles ist es, die farbigen Bälle mit Hilfe des Spielballes zu versenken. Selbstverständlich möchte jedermann dieses Ziel so schnell wie möglich erreichen. Nachdem wir nun die ersten Lektionen bereits hinter uns haben, hoffe ich, daß Körperhaltung und Queueführung für Sie bereits zur Gewohnheit geworden sind. Mit einem langsamen Vorgehen kommen Sie viel schneller ans Ziel, ein sicherer und ruhiger Billardspieler zu werden.
Ehe wir mit dem eigentlichen Zielen beginnen, müssen wir die Grundvoraussetzungen näher betrachten. Als Rechtshänder hat man normalerweise ein rechtsdominantes Auge, was bedeutet, daß man mit diesem Auge die Richtung festlegt. Mit Hilfe des linken Auges kann man die Distanz abschätzen. Ein Gewehrschütze, der die Distanz bereits kennt, kann daher sein linkes Auge schließen und sich vollkommen auf die Richtung konzentrieren.
Dies kann sich aber ein Billardspieler nicht leisten, da er Winkel und Distanz herausfinden muß. Es ist aber nicht gegeben, daß dies auf junge Spieler zutrifft, da man auch Sehfehler haben kann. Dies ist sehr leicht festzustellen. Weiß man auch beispielsweise gar nichts von einem Sehfehler, ist doch das menschliche Gehirn in der Lage, diesen zu kompensieren. Dies äußert sich dadurch, daß bei diesen Spielern das linke anstelle des rechten Auges über dem Queue ist und sie den Kopf schräg halten. Besser als den Kopf schräg zu halten ist jedoch, den Kopf trotz allem gerade zu halten und mit dem Kinn auf die andere Seite des Queues zu gehen, um dies auszugleichen. Hält man nämlich den Kopf schräg, erhält man ein verfälschtes Bild und ist dadurch nicht in der Lage, richtig zu zielen.
Jetzt sind wir soweit, daß wir uns mit dem eigentlichen Vorgang des Zielens beschäftigen können. Was ich Ihnen beibringen möchte, ist, so zu zielen, daß Sie beim Stoßen sicher sein können, alles richtig gemacht zu haben. Wenn Sie trotzdem einen Stoß verfehlen, so ist das darauf zurückzuführen, daß der Stoß schlecht ausgeführt wurde. Um diesen Vorgang möglichst anschaulich zu machen, müssen wir eine Spielsituation konstruieren (siehe Abbildung 22).
Abbildung 22:

Hier müssen Sie versuchen, mit dem weißen Spielball den vollfarbigen Objektball in die linke Ecktasche zu spielen. Es ist natürlich recht schwierig, ausschließlich aufgrund dieses Bildes genau zu entscheiden, wie "dick" oder "dünn" der Objektball getroffen werden muß, damit er in die Ecktasche fällt. Die Methode, die Sie nun lernen, ermöglicht Ihnen,
einen Bezugspunkt zu schaffen, der die Bestimmung des "Treffpunktes" des Spielballes auf den Objektball erleichtert. Vergessen Sie einen Augenblick den Spielball und konzentrieren Sie sich auf den Objektball. Nehmen Sie eine Position ein, als wollten Sie den Objektball mit dem Queue direkt in die Tasche spielen, ohne den Spielball zu verwenden. Nun können Sie leicht feststellen, wo Sie den Objektball treffen müssen, damit er in die Tasche rollt. Legen Sie jetzt die Queuespitze eine halbe Ballbreite vor dem Objektball auf das Tuch und markieren Sie mit der Kreide, die am Leder der Queuespitze haftet, einen deutlich sichtbaren Punkt. Nun brauchen Sie nur noch mit dem Mittelpunkt des Spielballes direkt auf diesen Kreidepunkt zu zielen. Vergessen Sie nicht, das Queue vor- und zurückschwingen zu lassen, vor dem Stoß kurz innezuhalten, die Situation ein letztes Mal zu prüfen und dem Stoß dann aufmerksam bis zum Ende zu folgen. Wenn Sie alles richtig gemacht haben, rollt der Objektball in die Ecktasche (siehe Abbildung 23).

Die einzige Schwierigkeit dieser Methode ist zu bestimmen, welche Distanz einem halben Ball entspricht. Das können Sie sehr einfach feststellen, indem Sie einen zweiten Ball benutzen. Legen Sie diesen unmittelbar hinter den Objektball in Richtung Tasche, sodaß die Bälle einander berühren. Dann klopfen Sie mit einem dritten Ball ganz leicht auf diesen Extraball. Dadurch bildet sich eine kleine Vertiefung im Tuch, die Sie beim Wegnehmen erkennen werden. Dieser Punkt liegt nun genau einen halben Ball vom Objektball entfernt. Dieser Punkt stimmt immer, und die Entscheidung darüber, ob ein Ball gespielt werden kann oder nicht, hängt ausschließlich von der Position des Spielballs ab. Liegt der Spielball so, daß Sie den mit Kreide markierten Punkt nicht treffen können, ohne zuerst einen anderen Ball oder den fraglichen Objektball zu treffen, ist er nicht spielbar. Können Sie den Punkt treffen, ohne zuerst einen Ball zu berühren, beträgt der Winkel aber 90 Grad oder weniger, so können Sie den Ball trotzdem nicht spielen. Nur wenn der Winkel größer ist als 90 Grad, kann der Ball gespielt werden
Abbildung 24:

In Situationen, in denen der Winkel nicht viel größer ist als 90 Grad, kann ein anderes Phänomen für einen mißglückten Stoß sorgen, auch wenn die Vorbereitungen richtig waren. Dies hängt mit der Energieübertragung zwischen Spielball und Objektball zusammen. Wenn Sie den Spielball spielen und den Objektball treffen, wird dieser zunächst einen Sekundenbruchteil lang in der gleichen Richtung wie der Spielball rollen. Erst darauf macht sich die seitliche Energieübertragung wirksam. Dieser sehr kleine Unterschied in der Übergabe der Stoßrichtung kann, ganz besonders bei langen Bällen, für genügend Abweichung in der Präzision sorgen. In der Billardsprache nennt man dieses Phänomen "Käs" (sprich: Käs). Kehren wir noch einmal zum früheren Beispiel zurück, verschieben aber jetzt den Spielball so, daß der Winkel kleiner wird (siehe Abbildung 25).
Abbildung 25:

Statt von der Mitte des Spielballs gerade auf den Bezugspunkt zu zielen, versuchen Sie einmal, ein klein wenig rechts vom Bezugspunkt zu treffen. Auf diese Weise treffen Sie den Objektball etwas schwächer als durch direktes Anvisieren des Punktes, aber der Ball rollt dennoch ins Loch. Versuchen Sie mit dieser Methode mehrere unterschiedliche Positionen, bis Sie eine gewisse Sicherheit erreicht haben. Wenn Sie soweit sind, daß Sie mit dieser Methode immer einen Ball anspielen können, wird es Zeit, langsam dazu überzugehen, ohne einen vorgezeichneten Kreidepunkt zu spielen.
Fangen Sie mit den Bällen an, die mehr oder weniger in einer Geraden liegen, und wagen Sie sich dann nach und nach an Bälle mit größerem Winkelunterschied. Am Schluß sind Sie dann soweit, daß Sie ganz ohne Kreidepunkt beurteilen können, wie Sie einen Ball treffen müssen, damit dieser ins Loch rollt. Es gibt noch ein paar andere Dinge, die Sie beachten müssen, um Ihre Treffsicherheit zu erhöhen. Wenn Sie hinter dem Spielball stehen und anfangen zu schwingen, ist es wichtig, daß Sie die Augen zwischen dem Spielball und dem Objektball hin und her bewegen. Im Augenblick des Stoßes sollten Sie dann dazu übergehen, dem Objektball auf seinem Weg in Richtung auf das gewünschte Loch zu folgen.
Tun Sie das nämlich nicht, können Sie auch nicht erkennen, was Sie nicht richtig gemacht haben und es folglich bei der nächsten ähnlichen Position auch nicht korrigieren. Es ist auch wichtig, hinter dem Queue mit dem Kinn unten zu bleiben, bis der ganze Stoß ausgeführt ist, denn so vermeiden Sie, daß eine plötzliche Bewegung den gesamten Handlungsablauf beeinflußt. Kommen Sie später in eine Phase, in der Ihre Sicherheit und Ihr Vertrauen ins Wanken geraten, sollten Sie wieder zur guten alten Methode des Bezugspunktes zurückkehren.
Gewöhnen Sie sich daran, am Anfang nur einfache Bälle zu spielen, um Ihr Selbstvertrauen wiederzugewinnen. Mit einem sogenannten "Tief" haben alle Spieler früher oder später zu kämpfen, und das heißt natürlich nicht, daß man plötzlich überhaupt nicht mehr spielen kann.